Inhalt anspringen

Cold Cases: Ungelöste Kriminalfälle im Fokus der polizeilichen Ausbildung

Die Wiederaufnahme von Ermittlungen in teilweise Jahrzehnte zurückliegenden, bisher ungeklärten schweren Kriminalfällen erfordert viel Spezialwissen. Dies vermittelt das Wahlpflichtmodul „Cold Cases“ an der Deutschen Hochschule der Polizei.

16.09.2026

„Wir widmen uns sämtlichen Facetten des Themas, von Ermittlungsfragen über neue technologische Erkenntnisse bis hin zu medialen Darstellungen und den Perspektiven von Opferangehörigen“, umreißt Prof. Dr. Lars Berster, Leiter des Fachgebiets „Strafrecht, Strafprozessrecht und Kriminalpolitik“, den Inhalt des Moduls. Gemeinsam mit dem Kriminaldirektor a.D. Karsten Bettels leitete er die Veranstaltung für angehende polizeiliche Führungskräfte. Es sprachen Referierende aus dem In- und Ausland, zum praktischen Teil gehörte die Analyse einer Mordermittlungsakte.  

Karsten Bettels, ein führender Experte für Cold-Case-Ermittlungen und Leiter des Internationalen Cold Case Analyse Projekts (ICCAP) unter dem Dach von AMBER Alert Europe (AAEU), erläuterte die Besonderheiten von Cold Cases im Vergleich zu gelösten Fällen. Grundlage waren die im Projekt bereits analysierten 63 Tötungsdelikte, Vermisstenfälle und Fälle mit unbekannten Toten. „Werden Beweismittel nicht von Anfang an gesichert, können sie unwiederbringlich zerstört sein und stehen für das Ermittlungsverfahren und die Klärung der Tat nicht mehr zur Verfügung“, betont Karsten Bettels. Weitere Faktoren sind, ob die Opfer identifiziert werden konnten, ob sie am Tatort oder an einer anderen Stelle gefunden wurden und ob der Einstieg in die Ermittlungen als Tötungsdelikt oder Vermisstenfall begann – wie bei 36 Prozent der untersuchten Cold Cases.

Daher möchten die Leiter des Wahlpflichtmoduls für das Thema „vermisste Personen und Opfer von Straftaten“ sensibilisieren und zudem neue kriminologische, psychologische und forensische Möglichkeiten zur Klärung von Cold Cases vermitteln. 

Prof. Dr. Lars Berster, Nana Leenaerts (AMBER Alert Europe), Kriminaldirektor a.D. Karsten Bettels

Neue forensische Methoden der DNA-Auswertung können Ermittlungen vorantreiben

Innovative forensische Methoden wie die Forensische Investigative Genetische Genealogie (FIGG), also die Suche in Ahnenforschungsdatenbanken mit einer neusequenzierten, also entschlüsselten Opfer-DNA, bieten erweiterte Möglichkeiten zur Identifizierung. Dies führte Dr. Pia Jores vom Biotechnologie-Unternehmen Qiagen aus. Sie wies dabei auch auf die bestehenden Bedenken zum Einsatz dieser Methode hin und betonte, dass manchmal nur der Zufall und die Hartnäckigkeit der Ermittlerinnen und Ermittler zum Erfolg führten. 

Auch die Environmental DNA (eDNA), also DNA aus der Umwelt, eröffnen neue Möglichkeiten. Auf den zur Sicherung menschlicher DNA verwendeten Abstrichtupfern können sich neben dem eigentlichen Spurenmaterial auch Mikrobiome und weitere DNA-Spuren aus der Umgebung befinden. Solche bislang kaum genutzten Informationen könnten zu zusätzlichen Rückschlüssen auf einen Täter oder dessen Kontakte mit der Umwelt führen. Welche forensischen Möglichkeiten sich daraus ergeben können, verdeutlichte Prof. Eran Elhaik von der Lund Universität in Schweden am Beispiel eines angebissenen Apfels, den ein Täter am Tatort zurückgelassen hatte. Neben der menschlichen DNA können sich daran weitere biologische Spuren finden, die zusätzliche Ermittlungsansätze eröffnen – ein Potenzial, das bislang noch nicht systematisch genutzt wird.

Angehörige fordert mehr Opferrechte 

Als weitere Referentin sprach Nana Leenaerts, Leiterin der Abteilung für EU-Angelegenheiten bei der niederländischen Nichtregierungsorganisation „AMBER Alert Europe“. Das Netzwerk arbeitet grenz- und behördenübergreifend in 29 Ländern mit 100 Partnern daran, die Sicherheit von Kindern, die Suche nach vermissten Kindern und den Schutz der Opferrechte zu verbessern. Die Juristin ging insbesondere auf die neuesten Entwicklungen in der europäischen Gesetzgebung zu Opferrechten und deren Auswirkungen auf die Polizeibehörden während des Ermittlungsverfahrens ein.  „Angehörige der Opfer von Cold Cases in der gesamten EU warten auf einen Abschluss. AMBER Alert Europe stellt die neuesten evidenzbasierten Forschungsergebnisse in den Dienst der Strafverfolgung“, erläutert Nana Leenaerts. Dabei sei ein gesamtgesellschaftlicher Ansatz entscheidend.

Ihre Sicht auf Cold Cases als Angehörige eines Mordopfers schilderte Natascha Pfau. Die Tochter der 1990 ermordeten Cornelia Pfau veröffentlichte 2023 ein Video, um den Fall wieder ins Bewusstsein zu rücken und neue Ermittlungen anzuregen. Karsten Bettels wollte den Fall noch einmal untersuchen, doch der Landesdatenschutz in Baden-Württemberg befand, dass die Akte nicht nach Niedersachsen übergeben werden darf. „Wir müssen mehr über Opferrechte sprechen“, fordert Natascha Pfau. „Bisher steht der Datenschutz vor dem Opferrecht.“ Zudem müsse die Polizei die Angehörigen stets ernst nehmen, auch wenn sie zum Tatzeitpunkt noch sehr jung waren. Momentan setzt sie Hoffnung auf Studierende der Hochschule für Polizei Baden-Württemberg, die sich des Falls angenommen haben. 

Fernsehjournalist Ralf Döbele

Über die ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ sprach der Fernsehjournalist Ralf Döbele. Das Format greift häufig Cold-Case-Fälle auf, um ungeklärte Verbrechen wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und an potenzielle Mitwissende zu appellieren. Dabei ist die Darstellung, die auf den Ermittlungsakten basiert, besonders emotionalisiert. „Neugier zu nutzen, ist ein unverzichtbarer Erfolgsfaktor“, betont Ralf Döbele. So konnte der 1983 begangene Mord an Lolita Brieger durch eine Sendung im Jahr 2011 aufgeklärt werden.

Systematische behördenübergreifende Zusammenarbeit ist entscheidend

„Die im Modul vorgestellten Fälle zeigen, dass bei der Aufklärung jahrzehntealter Kapitalverbrechen immer wieder beachtliche Einzelerfolge erzielt werden“, bilanziert Lars Berster, hebt jedoch hervor: „Über diese Erfolge hinaus besteht noch erhebliches Potenzial für strukturelle Verbesserungen im Umgang mit Cold Cases.“ Dazu zählten etwa gemeinsame Standards für die Priorisierung und erneute Bewertung von Altfällen, eine intensivere behörden- und länderübergreifende Kommunikation sowie ein systematischerer Austausch von Fallinformationen. Hierzu könnte ein bundesweites Cold-Case-Register beitragen.

„Das Bewusstsein für geeignete Strukturen, einen systematischen Wissenstransfer und eine behördenübergreifende Zusammenarbeit bei künftigen Führungskräften der Polizei zu stärken und ihnen entsprechende Handlungsansätze für ihre spätere Verantwortung aufzuzeigen, ist ein wesentliches Ziel des Wahlpflichtmoduls.“

Erläuterungen und Hinweise

Bildnachweise