14.07.2026
Die Polizei wird geprägt von den Menschen, die dort arbeiten. Polizist:innen unterliegen Deutungen und Projektionen, sie stehen für staatliche Autorität und sind gleichzeitig Adressat:innen gesellschaftlicher Erwartungen und Affekte. Angehörige der Polizei bewegen sich damit in einem vielfältigen Spannungsfeld. Dieses nahm das 35. Kolloquium zur Polizeigeschichte in den Fokus: Vom 8. bis 10. Juli trafen sich die etwa 70 Teilnehmenden auf dem Campus der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) in Münster. Das Kolloquium unter dem Titel „Polizist:in-Sein. Gesellschaftliche Selbst- und Fremdbilder (19.-21. Jahrhundert)“ wurde ausgerichtet von Prof. Dr. Gundula Gahlen und Dr. Haydée Mareike Haass vom Fachgebiet „Polizeigeschichte und Politische Bildung“. Eine Besonderheit war der Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis: Historiker:innen und Polizeibeamt:innen diskutierten gemeinsam über Selbstverständnis und öffentliche Wahrnehmung des Polizeiberufs.
Die international besetzten Panels behandelten übergeordnete Themen wie Berufsethos, polizeiliches Selbstverständnis im politischen und gesellschaftlichen Umbruch, Geschlecht und Körper des Polizist:in-Seins oder Selbstinszenierung und Öffentlichkeit. Vorstellungen des Polizist:in-Seins entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern entwickeln sich durch fortlaufende soziale, politische und konkurrierende Praxen – etwa durch neue Rekrutierungsprozesse und Medien sowie Krisensituationen, Enttäuschungserfahrungen und Gewalt. So unterscheiden sich die Erwartungen an Polizist:innen heute deutlich von denen früherer Jahrzehnte. Während lange Autorität und Durchsetzungsfähigkeit im Vordergrund standen, werden heute beispielsweise ebenso Kommunikationsfähigkeit, Diversitätskompetenz und deeskalierendes Handeln erwartet.
Themenvielfalt mit historischer und aktueller Bandbreite belegt Wandelbarkeit der Selbst- und Fremdbilder
Im Vortrag von Maren Albrecht (Erfurt) ging es um Sicherheit von unten: Freiwilliges Polizieren auf Nachbarschaftsebene und polizeiliche Selbstbilder in Krisensituationen der 1960er-80er Jahre. Unter den Referierenden waren mit Nimrod Lebel Nahum und Oshri Shaul Bartal zwei geschichtswissenschaftlich ausgebildete Polizisten aus Israel anwesend, die den Austausch für eine polizeiliche diplomatische Mission nutzten. Leonid Rein (Jerusalem/Yad Vashem) sprach über die lokale Hilfspolizei in einer von den Nazis besetzten Gesellschaft am Beispiel Weißrussland, während sich Guus Meershoek (Enschede) Fragen polizeilicher Männlichkeit und Homosexualität in den Niederlanden der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widmete. Um ethnische Zuschreibungen, Kontrolle und Selbstverständnis der Volkspolizei gegenüber Sinti und Roma ging es im Beitrag von Verena Meier (Heidelberg), um einige Schlaglichter zu setzen.
Polizist:in-Sein war zu keinem Zeitpunkt Ausdruck eines homogenen beruflichen Selbstverständnisses. Kriege, politische Umbrüche sowie Transformationsprozesse verändern die vielschichtigen polizeilichen Rollenbilder oder lassen bestehende Spannungen und Ambivalenzen sichtbar werden: Sowohl in den unterschiedlichen institutionellen Rahmenbedingungen als auch bezogen auf die gesellschaftlichen Erwartungen an die Polizei sowie in den Selbstdeutungen ihrer Angehörigen. Die Beiträge stützten sich dabei auf ein breites Spektrum an Quellen und Perspektiven: Sie werteten Gutachten und Briefe aus, analysierten mediale und museale Repräsentationen und bezogen internationale Kontexte des Polizierens – etwa das New York der 1970er-Jahre – in ihre Analysen ein. Historische Aushandlungsprozesse von Zugehörigkeit und Differenz sowie Erfahrungen von Irritation und Fremdheit prägen das polizeiliche Selbstverständnis maßgeblich. Polizist:in-Sein ist keine statische berufliche Identität, sondern als ein historisch wandelbares, kulturell und gesellschaftlich geprägtes Rollenverständnis zu begreifen, resümieren die Veranstalterinnen.
Der Blick in die Polizeigeschichte leistet einen wichtigen Beitrag zur Reflexion des eigenen Berufsverständnisses. Polizeiliche Handlungskompetenz fußt auf dem „Verstehen“ der historischen Kontexte, in die Polizeiarbeit eingebunden ist, sowie der Reflexion der eigenen Rolle im Umgang mit gesellschaftlichen Erwartungen und aktuellen Herausforderungen.